Nur wenig bekannt war bis heute, dass August Sander bis 1909, bevor er nach Köln übersiedelte, im oberösterreichischen Linz ein professionelles Atelier betrieb, seine Arbeiten erfolgreich in Ausstellungen plazierte, zahlreiche Auszeichnungen erhielt und innerhalb seines Fachs durchaus anerkannt war. Nicht zuletzt aufgrund seiner Beteiligung am kulturellen Leben der damals 60.000 Einwohner zählenden Landeshauptstadt, war ihm ein vielversprechender Start in einer zunächst fremden Umgebung gelungen. Ganz im Sinne der durch die Kunstphotographie geprägten Zeit betätigte sich Sander auch als Maler und suchte in der generellen Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Bild, den Stellenwert des Mediums der Photographie zu steigern. Ihre spezifischen Einsatzmöglichkeiten und Verfahrensweisen wurden erprobt und vor dem Hintergrund kunsthistorischer, häufig im praktischen Experiment erworbenen Erkenntnisse abgewogen.

Viele der in den Linzer Jahren entstandenen Portraitaufnahmen verdeutlichen bereits Sanders große Beobachtungsgabe und frühes Gespür für eine sensible Aufnahmeführung, die er in den 1920er Jahren in eine sachliche Sicht überführte. Lebensnähe und Authentizität statt inszenierter Posen und steifer Atelierkulissen waren von Beginn an seine Maximen für eine gute Portraitaufnahme. Dieser hohe Anspruch spiegelte sich sowohl in einer präzisen Positionierung seiner "Modelle" als auch in einem individuell abgestimmten, und im Gegensatz zum verbreiteten Stilmix, schlichten Wohnstil. Eine weitere Konsequenz war, dass Sander - wie es für seine Praxis nach dem Ersten Weltkrieg bekannt ist - Einzel- und Gruppenportraits in der Natur, etwa im Garten der Abgebildeten, bevorzugte. Auch lassen sich im Frühwerk des Photographen Beispiele von Berufsbildern, wie jene des in Linz ansässigen Apothekers oder Museumskustos entdecken, für die Sander schließlich mit seinem gesellschaftsbeschreibenden Werk Menschen des 20. Jahrunderts berühmt wurde.

Eine große Zahl von Portraitphotographien widmete er seiner Familie - seiner Frau Anna Sander, geb. Seitenmacher, die er 1902 heiratete und seinen Söhnen Erich und Gunther, die beide in Österreich geboren wurden. Diese Aufnahmen lassen sich nicht nur als ein Abschnitt der Familienchronik lesen, sondern stehen beinahe prototypisch für Sanders geglückten Transfer der Forderung nach zeitlos qualitätsvollen Bildern, wie sie vielerorts auch von zahlreichen seiner Berufskollegen gestellt wurde und zur Emanzipation des Mediums führte.

Neben seiner Tätigkeit im Portraitfach erhielt August Sander den Auftrag zur photographischen Dokumentation der Sammlung des Linzer Museum Francisco Carolinum, übernahm Arbeiten für das angesehene Linzer Landestheater und erarbeitete ein achtenswertes Konvolut von Stadt- und Landschaftsansichten, die ebenfalls Eingang in die aktuelle Ausstellung finden. Einbezogen werden des weiteren Bildbeispiele österreichischer Stadt- und Landschaftsaufnahmen aus dem Jahre 1930, die auf einer Reise nach Linz und Wien entstanden und darauf verweisen, dass Österreich im Werk Sanders eine feste Bezugsgröße blieb. Aufnahmen seines Sohnes Erich Sander, die dieser 1921 in Graz, der Hallstädter Gegend sowie in seinem Geburtsort Linz fertigte, weisen interessante Parallelen zu den Photographien seines Vaters auf und runden das Bild ab.

Flankiert wird die Ausstellung durch eine Präsentation von ausgewählten Portraitphotographien Sanders Vorläufern und Zeitgenossen so von André Adolphe-Eugène Disdéri, Félix Nadar, Rudolf Dührkoop, Hugo Erfurth, Jacob Hilsdorf und Nicola Perscheid.

Die in das Projekt integrierten Photographien und Materialien stammen vorwiegend aus dem Bestand der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, ergänzt um Exponate aus dem Oberösterreichischen Landesmuseum, Linz, der Kunst- und Museumsbibliothek, Köln, dem Museum am Strom-Hildegard von Bingen, der Landessammlung zur Geschichte der Fotografie in Rheinland-Pfalz im Landesmuseum Koblenz, dem Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, dem Museum Folkwang, Essen, dem Museum Ludwig, Köln, sowie von privaten Leihgebern.

Katalog zur Ausstellung: August Sander, Linzer Jahre 1901-1909, mit Texten von Gabriele Conrath-Scholl, Dr. Martin Hochleitner und Dr. Susanne Lange, herausgegeben von der Photographischen Sammlung/ SK Stiftung Kultur und der Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum, München: Schirmer/Mosel, 2005 (224 S., 119 Tafeln, 121 Abb.) - broschierte Ausgabe an der Ausstellungskasse 29,00 €, Hardcover-Buchhandelsausgabe 39,80 €.

Illustration: August Sander, "Selbstportrait", ca 1904, coll. Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln - August Sander Archiv, Köln.

Source: Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln.
Via Ruth Goebel, Fotostoria, 29/01/2006.